OK43.aktuell – März 2008
Liebe Leserin, lieber Leser,
seit 1991 garantiert der Offene Kanal Essen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt die eigenverantwortliche Gestaltung von TV-Beiträgen und die Verbreitung dieser im lokalen Kabelnetz über den Sender „OK43 – Fernsehen für Essen“. Wir bieten die erforderliche Infrastruktur, Produktionstechnik, Räumlichkeiten, ein umfangreiches Know-how und passende Bildungsangebote an. Seitdem ab dem Jahr 2000 junge Menschen bei uns praxisnah für den Arbeitsmarkt ausgebildet werden, entwickelt sich unser Programm zu dem eines Stadtfernsehsenders, der von seinen Zuschauern geschätzt wird. Im Rahmen medienpäda-gogischer Projekte mit Schulen, Jugendeinrichtungen, Initiativen und Verbänden ist der Offene Kanal Essen ein anerkannter und verlässlicher Kooperationspartner.
Als Produzent, Zuschauer und Vereinsmitglied wissen Sie das alles. Ebenso wissen Sie, dass unser Programm nicht so perfekt wie die anderen auf Ihrer Fernbedienung ist. Vielleicht mögen Sie uns auch des-wegen. Auf jeden Fall erkennen Sie, dass alle – ob Schüler oder Senior, ob Azubi oder Mitarbeiter – ihr Bestes geben, um die Essener mit der Veröffentlichung ihrer Fernsehbeiträge zu unterhalten bzw. zu informieren.
Manche erkennen das leider nicht, selbst wenn wir keine Gelegenheit auslassen, auch sie zu überzeugen. Vielleicht schauen sie nicht genau genug hin, vielleicht wollen sie ihre vor Jahren gefasste Meinung nicht revidieren. Häufig sind sie die Entscheidungsträger, von denen wir als öffentliche Einrichtung abhängig sind. Da werden schnell die Zeiten leerer Kassen und das Aufkommen von Internetplattformen angeführt und vergessen, dass GEZ-Gebühren eine TV-Grundversorgung garantieren und eine mediale Zweiklassengesellschaft verhindern sollen.
Nun sollen die Bürgerfernsehsender in NRW still und leise erst abgeschaltet und dann abgeschafft werden, da sie angeblich überflüssig geworden sind. Meiner Meinung nach jedoch ist vor dem Hintergrund der zunehmenden Kommerzialisierung von Medienangeboten die zensurfreie und tatsächlich wahrnehmbare Teilhabe der Bürger über Offene Kanäle wichtiger denn je.
Häufig erkennen wir die Bedeutung eines uns nahe stehenden Men-schen wie auch den Wert eines uns wichtigen Gegenstandes erst dann, wenn wir ihn verloren haben. Was bedeuten wir Ihnen?
Bodo Köpper
Leiter Offener Kanal Essen
Bald sehen Sie schwarz
Seit Mitte letzten Jahres arbeitet die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) im Auftrag der Medienkommission an einer Änderung der Fördersystematik für das nordrhein-westfälische Bürgerfernsehen.
Laut LfM sei die Abschaffung der institutionellen Förde-rung für die Offenen Kanäle beschlossen und stehe außer Frage. Mitte des Jahres soll die Heranleitung des Programms eingestellt werden. Spätestens zum 01.01.2009 sei keine lokale, sondern ausschließlich ein landesweite Verbreitung im digitalen Kabelnetz vorgesehen. Zu diesem Zweck soll in ganz NRW die Einrichtung von Lehr- und Lernredaktionen betrieben und gefördert werden, um Medienprojekte im gesamten Bundesland zu unterstützen. Inwiefern die Überlegungen – insbesondere was die Verbreitung betrifft – umsetzbar sind, wird derzeit juristisch geprüft.
Aus unserer Sicht sind sowohl diese Überlegungen als auch die akute Planungsunsicherheit nicht akzeptabel. Nach einem Arbeitspapier LfM vom November 2007 soll die Förderung der Heranführungskosten in das lokale Kabel zum 30.06.2008 eingestellt werden. Wie und wo wir ab dem 01.07.2008 senden ist derzeit unklar. Die Antwort auf die Frage, welche Funktion ein Fernsehsender hat, der nicht senden kann, lässt sich wohl schnell geben. Ebenso kann man die in diesem Zusammenhang ausgesprochene Empfehlung der LfM, die Arbeitsgemeinschaften mögen sich nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten umsehen, wohlwissend, dass den Offenen Kanälen Sponsoring und Werbung untersagt ist, leicht als Zynismus deuten.
Selbst wenn wir diesen unsinnigen Umstand außer Acht lassen, so gibt es bis zum jetzigen Zeitpunkt keine konkrete Zusage, ob und in welcher Höhe für das 2. Halbjahr gefördert werden kann. Vor dem Hintergrund, dass wir ein Ausbildungsbetrieb mit vier Azubis und einer EQJ sind, ist diese Situation personalplanerisch äußerst schwierig. Der Offene Kanal Essen ist übrigens der einzige Betrieb im Kammerbezirk zu Essen, der Mediengestaltung in der Fachrichtung Bild und Ton ausbildet.
Wie es Beispiele aus anderen Bundesländern belegen, können Bürgerfernsehsender sehr wohl auch im Zusammenspiel mit kommerziellen Programmveranstaltern auf lokaler Ebene bestehen. Insbesondere programmliche Umstrukturierungen sind an diversen Standorten in NRW nicht erst seit der Veröffentlichung der Volpers-Studie (siehe hierzu unseren Newsletter April 2007) und der sich anschließenden Diskussion auf den Weg gebracht worden und mittlerweile auf den Sendern sichtbar. Der Offene Kanal Essen hat als erste Einrichtung in Nordrhein-Westfalen mit dem 01.01.2008 seine komplette Programm- und Angebotsstruktur entsprechend modifiziert. Die Ergebnisse dieser von vielen Zuschauern und Produzenten begrüßten Maßnahmen werden von der LfM bei ihrer weiteren inhaltlichen Planung in keinster Weise berücksichtigt.
Ebenso übersieht sie, dass der Offene Kanal Essen seit Jahren im Bereich von Qualifzierungsmaßnahmen auf lokaler, aber auch regionaler Ebene mit einer Vielzahl von Kooperationspartnern vernetzt ist. Längst definiert sich unsere Einrichtung nicht über ein Sammelsurium von einzelnen Selbstdarstellern, sondern über ein ausgepräg-tes Netzwerkdenken. Es ist daher nicht nachzuvollziehen, warum die Offenen Kanäle im Sinne einer Optimierung von flächendeckenden Angeboten von der LfM nicht als elementare Stützpfeiler angesehen werden. Die Praxis belegt, dass bei der Einrichtung so genannter Lernredaktionen ausgerechnet die OKs als Technikbereitsteller, als lokale und sichtbare Verbreitungsplattform und als Anbieter medienpädagogischen Know-hows erste Anlaufstelle für Schulen, Jugendzentren, Weiterbildungseinrichtungen und freie Initiativen sind. Wenn das Bürgerfernsehen nun demontiert wird, dürfte das den von der LfM beabsichtigten Aufbau neuer Strukturen nicht erleichtern.
Auch das regelmäßig wiederholte Argument, Bürgermedien hätten sich in Zeiten von YouTube und Clipfish überholt, kann schnell widerlegt werden. Zwar ist die Mehrheit der Videobeiträge im Internet durchaus lustig anzusehen, aber fast immer redaktionell deutlich unterhalb der Qualität der Bürgermedien angesiedelt, da eine entsprechende medienpädagogische Begleitung fehlt. Folglich sind die Offenen Kanäle in diesem Kontext weiterhin gefordert, ein realistisches Verständnis und eine kritische Distanz zu den Medien und ihren häufig künstlichen Scheinwelten zu vermitteln. Dass auch sie sich jedoch in ihrer Angebotsstruktur auf die neuen Medien und veränderte Medienkonsumwege einstellen müssen, ist ebenso unbestreitbar. Auch hier hat der OK Essen beispielsweise im Bereich seiner Webpräsenz Vorbildcharakter in NRW erlangt und genügend Know-how, sich auf dieser Basis auch zukünftig weiter zu entwickeln.
Noch vor einem Jahr kam Volpers zu dem Schluss, dass die OKs inhaltlich die Funktion der lokalpublizistischen Ergänzung wahrnehmen müssten. Mittlerweile sind in Essen eine Vielzahl neuer TV-Formate entwickelt worden, die ausschließlich auf Themen aus der Kommune fokussieren. Diese lokalen Inhalte sollen künftig über eine landesweite digitale Plattform verbreitet werden. Ob Zuschauer in Siegen Interesse an der Bürgerinitiative in Vogelheim zeigen werden, darf bezweifelt werden. Gesellschaftliche Relevanz wird auch durch die Erreichbarkeit der Bürgermedien in den jeweiligen Verbreitungsgebieten geschaffen. Unklare Programmstrukturen, die Erschwernis der Auffindbarkeit im Dickicht eines gemeinsamen Kanals, uninteressante Angebote aus anderen Regionen führen nicht zu einer Zuschauerbindung und damit zu einer Schwächung der Offenen Kanäle.
Ebenso bleibt abzuwarten, ob die Kommunen, die ihre lokalen Offenen Kanäle – wie von der LfM eingefordert – derzeit unterstützen, dieses auch bei einem landesweiten Modell noch tun werden. Der OK Essen, der von der Kommune über die Bereitstellung von Räumlichkeiten und über einen städtischen Zuschuss eine gute Unterstützung erfährt, ist diesbezüglich bereits mit der Stadt Essen in Kontakt getreten. Auch im Gespräch mit der lokalen Politik haben wir ein positives Feedback und die Anerkennung unserer Arbeit einholen dürfen.
In der Vergangenheit hat sich der Offene Kanal immer engagiert und konstruktiv an Diskussionen beteiligt, die eine Qualitätssteigerung des Bürgerfernsehens zum Ziel hatten. Gerne wollen wir diese auch jetzt inhaltlich fortführen, trotz der existentiellen Bedrohung durch die geplante Umstellung auf Projektförderung. Wir wissen, dass es permanenter Weiterentwicklung bedarf, um die gesellschaftliche Bedeutung, lokalpolitische Relevanz und medienpädagogische Aufgabe auch zukünftig qualitativ nachzuweisen. Damit wir diese Ziele erfolgreich verfolgen können, brauchen wir andererseits eine zumindest mit-telfristige Perspektive und eine damit verbundene sichere und nachhaltige Finanzierungsbasis. Die Infrastrukturkosten, wie z. B. Heranführungsentgelte, müssen abgesichert sein. Zugleich erwarten wir eine durchdachte, realistische und überprüfbare Beschreibung der von uns erwarteten Leistungen.
Wenn wir nunmehr den Plänen der LfM widersprechen, so ist das kein Ungehorsam oder gar Besitzstandswahren. Vielmehr ist mittlerweile ein Zeitpunkt erreicht, an dem wir nicht mehr nachvollziehen können, nach welchen Kriterien und mit welcher Zielsetzung Mittel für die Bürgermedien vergeben werden. Während noch im Sommer letzten Jahres unser nunmehr zum 01.01.2008 greifendes Zugangs- und Programmkonzept von der LfM positiv bewertet und gefördert wurde, war es für die Verwaltung offensichtlich bereits im Winter schon wieder überholt. Erfahrungswerte daraus werden erst gar nicht mehr eingeholt.
Da wir selbstkritisch und reflektiert unsere eigenen Er-gebnisse auswerten, tun wir uns zunehmend schwer, jedem Neuauftrag und jeder Vorgabe zu folgen. Sollte die LfM ihre Pläne nun umsetzen können, werden wir unserer lokalen Basis und folglich unserer Stärke beraubt werden. Inhaltlich ist kein Konzept erkennbar, das mit dem Aufbau eines landesweiten Kanals verfolgt wird. Lediglich die technischen, mehr noch die wirtschaftlichen Begehrlichkeiten treten in den Vordergrund. Wenn die Verwaltung und selbst die Medienkommission somit zu einer reinen Interessensvertretung mutieren, ist das offensichtlich auch ein Grund, die OKs schlechter zu reden als sie es tatsächlich sind.
Vorstand und Geschäftsführung des Offenen Kanal Essen e. V. haben alle Vereinsmitglieder eingeladen, am 31. März 2008, ab 19 Uhr, im Rahmen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung über die Zukunft unserer Einrichtung zu beraten. Wir freuen uns auf Ihr reges Erscheinen und Ihre konstruktiven Vorschläge, die uns vor einem endgültigen Aus des „OK43 – Fernsehen für Essen bewahren. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Landesanstalt für Medien dann doch noch zugunsten von Medienkompetenz und -partizipation, sowie regionaler Angebotsvielfalt und für die Stärkung und Weiterentwicklung der Bürgermedien in NRW entscheiden wird.